Es ist früh morgens, das Gras ist noch voller Tau (geheimnisumwobener Tropfen). Du schläfst, in deiner ausrangierten Forchbahn, und ahnst von nichts, ahnst nicht, dass ich dich suche. Deine Forchbahn steht etwas ausserhalb der Stadt, in einer Autobahnumfahrung, aber dennoch im Grünen, sogar mit Sicht auf den Fluss. Elis Reusser, die letzte Forchbahnbewohnerin. Während du dich unter dem Laken wendest, verströmst du einen Geruch von Süssholz und lauwarmem Schweiss. Ein gesunder Schweiss (geheimnisumwobener Tropfen), nicht fiebrig oder klebrig. Kamasutra-Schweiss, der sich mit dem Schweiss von Adam verschweisst.
Ausbrechen, definitiv. Der Sommer hat es einmal mehr gezeigt: auf die Natur ist kein Verlass! Intuitiv würde ich wohl noch Jahre lang vor mich hin dösen, aber meine Vernunft sagt mir (flüstert mir ein): so kann es nicht weitergehen! Ich werde noch umkommen wegen dieser räudigen Kontinuität. Wegen der Lieblosigkeit. Ich bin der aussätzige Hund, der lautlos den Grenzen der Stadt entlang schleicht, um doch noch einen Blick des prallen Lebens zu erhaschen, ohne daran mitzutun, einfach nur so, aus Neugierde. Ausbrechen aus diesem Zustand, definitiv, oder doch eher einbrechen, nicht zusammenbrechen, etwa am Schicksal des Lebens, sondern eintreten, in die Gesellschaft, die mich verstossen hat. Mich wieder eingliedern, mitreden - wie jedermann (einige). Was soll das, mein Platz am Rand der Randständigkeit? Aussenseiter der Ausgestossenen (einer von einigen). Ich muss mich entfesseln und losbrechen. Denn weiter draussen, da wartet nur noch der Tod. Ein einsamer, ein schäbiger Tod.
Nun, ich mache mich auf, um dich zu finden. Um dir meine Geschichte zu erzählen oder dich auch nur anzustarren, damit du sie selber (in meinen Augen) lesen kannst. Ich strecke meinen Rumpf und gähne, springe mit einem einzigen Satz aus dem Bett. Heute soll kein Tag wie jeder andere sein, es soll sich nicht wiederholen, was über Wochen und Monate und Jahre tagtäglich von neuem aufzog und sich repetitiv abspielte, wie die Schatten einer Sonnenuhr oder wie die schwarzen (blutroten) Schlagzeilen der Tagespresse. Ich bin bereit und wenn ich mich nicht heute (oder morgen früh) aufmache, dann wird es für immer zu spät dafür sein, dann gibt es keine Alternative, als den heiklen Sprung vor einen Schwertransport, auf der Schnellstrasse in Richtung Emmental.
Ich steige das Treppenhaus runter, grüsse den Postboten beim Verlassen des Hauses. Auf der Wiese, mit den drei grossen Eichen, uriniere ich an einen der mächtigen Baumstämme, die schon da standen, als ich noch ein Niemand war. Jetzt bin ich jemand, der weiss, wie man sein Revier markiert. Ich mache das nicht zum ersten Mal, es ist Routine und eine Notwendigkeit. Nicht, dass alle Gewohnheiten notwendig wären, aber die Notwendigkeiten werden zu Gewohnheiten. Und diese Gewohnheiten füllten bis anhin meinen Tagesverlauf.
Du schläfst noch immer, in einem Meer von Gefühlen, selig träumst du dahin. Und ich habe deine Fährte aufgenommen, schnuppere den Strassenpflastern in den Gassen der Altstadt entlang, um dich aufzuspüren, suche dich in jedem verwinkelten Innenhof und in den offenen Treppenhauseingängen, doch dein Geruch verflüchtigt sich immer wieder. Wer wohnt wohl hinter den verschlossenen Fensterjalousien in diesem gelbroten Ziegelsteinhaus? Ich verlaufe mich.
Ich halte die Nase in den lauen Föhn, der vom See her weht, um den Geruch frischgebackener Brote und den Dampf (geheimnisumwobener Tropfen) von aufgekochtem Kaffee besser zu riechen. Nehme einen tiefen Luftzug davon. Es muss einen Weg geben zu dir. Der Bäckermeister kennt mich. Er wirft mir zwei Weggen von gestern hin, die ich auf der Stelle hastig verzehre. Auch ich ahne nichts noch wüsste ich mehr als das Einzige (das Wahre), dass ich dich finden muss, koste es, was es wolle. Es gibt keine Preisklassen, wenn das Leben keinen Wert mehr hat.
Am See nehme ich ein Bad, schwimme ein Stück weit hinaus. Die Frische des Wassers ist ehrlich und direkt, weckt mich sogleich aus meiner Beklemmung und holt mich raus aus meiner Besessenheit. Das ist das Gute an der Alltäglichkeit: sie holt mich runter, lässt mich kühl, sie gibt mir Ruhe. Doch beim Ausblick auf die Bergketten werde ich sehnsüchtig und meine eigentliche Traurigkeit wird mir wieder ins Bewusstsein gehämmert. Es ist wie ein Schlag auf den Kopf. Ich bin der einsame Hund, der Aussenseiter (einer von einigen). Mein Platz ist da, wo die anderen nicht sind oder aber in ihrer Nähe, bloss immer ein Stück abseits von ihnen, was nur noch trauriger ist, denn so kann ich mit meinen Augen sehen, woran ich nicht teilhaben kann. Ich liege an der Seeuferpromenade und starre eine Weile in die schweigenden Berge. Die ersten Spaziergänger gehen den Seeweg lang, sie führen ihre Hunde aus, ganz gelassen und eins mit der Welt (und mit den geheimnisumwobenen Tropfen). Vereinzelte Fischerboote wippen und wackeln auf dem See.
Inzwischen bist du aufgestanden und hast dir einen frischen Orangensaft gepresst, hast deine Haare gekämmt, dich draussen hinter die Büsche gehockt und trägst jetzt den Hundekotbeutel zum Abfallcontainer. Du bist glücklich und du bist wohl verliebt. Danach legst du dich noch einmal ins Forchbahnbett. Die Luft im Wagen ist stickig und das ist gut so. Zeit spielt keine Rolle. Bald muss ich los, hier kann ich nicht bleiben, sie würden mich finden und einfangen. Ich muss zuerst dich finden, bevor der Tag in graue Scherben zerfällt, dann werde ich in Sicherheit sein.
All die Tasten, was soll ich bloss anfangen mit denen? Druckerschwärze-Allergiker der ich bin. Schade. Ich könnte ein Drehbuch schreiben, für einen Film auf einer Kinoleinwand. Im letzten prächtigen Saal der Halbinsel Jaffna, der ansonsten ein Tempelhaus ist. Der Film ginge auch Papyrophobe etwas an, denn er trüge den Titel: “Das Leben einer Papyrophoben”.
Das waren die sechzig Stunden Überzeit, die er die letzte Woche eingezogen hatte. Daraus wurde dann doch nichts mehr… das Licht setzt ein. Glasglatt unter die Achseln gerieben.
Beep!
Zeilenschalter, Umschaltung, Absatz, die Underwood schlägt wieder zu… Das rattert, dazu braucht man Nerven.
Mechanik zum verlieben, schwör ich jedem und jeder. Darauf kannst du Gift nehmen. Aber darauf musst du selber kommen. Die Liebe zu einer Maschine kann alles in den dunklen Schatten stellen, in dem ich mich aufhielt, als ich die Underwood noch nicht gekannt hatte. Nachdenklich geworden ab einer Liebe, die zum ersten mal entfachte. Getanzt und gefeiert aber nie wieder auferstanden. Wie Jesus, le petit tricheur: weniger Fische verteilt, effektiv, als in der Bibel für sich reklamiert. Auch der liebe GOD hat schon mehr als einmal geschummelt, der Lümmel.
Alle machen Fehler – auch die Underwood. Tippt beizeiten eine falsche Lettra, oder hakt nochmals nach nach dem Zeilenumbruch, dem Offiziellen. GOD sei’s gedankt!
Am Stausee den Damm mit der eisernen Faust durchbrochen. Das war genüsslich. Küss mich Baby, hier, oh ja.½ö+ .23“*%&)_’//’**:ähnlich wie das Mann.’
! Ausrufezeichen
Die sinnlosen Buchstaben sind schon beinahe Teil 4 von mir geworden. Schliesslich fügten sie sich gar einem Sinn. Doch der stammte nicht von mir, sondern war dem Zeitgeist untergeordnet. Wie ich dem Raum, welchen ich nicht nur bewohnte, sondern doch eher wegdimensionierte mit dem Rauch und Schall meiner schleichenden Bewegungen, meinem lahmen Vorwärtskommen auf dem globalen Koordinatensystem.
Wo führt das noch alles hin?(in Klammern gesetzt, das Leben.)
Durchschaubare Privatsphäre, Transparenz in allen Lebensbereichen. Hast du deine Kinder heute schon gezählt? Ein Bub gegen zwei geschlechtsreife Mädchen, einverstanden.
Teil 2
In den Wechseljahren das Waldhorn nochmals geblasen.
Teil 3
Freitag war auch wieder so ein Tag.
Teil 4
Mit dem linken Knie ins Bockshorn geflohen. Es lag ja auch auf der Hand die verdammte Scheisse roch auch noch so aber die Huren störte das wenig.
Teil 7
Schon angelangt. Wir beginnen mit dem Ende, wie immer. Also nicht im Leichenschauhaus, denn da begann die Geschichte. Das Ende ist immer auch der Anfang von etwas Neuem. Wir beginnen da, wo er uns seinen Rücken zukehrt und in einem halbdunklen Hinterhof verschwindet. Ihn sehen wir nie wieder. Den werden wir niemals wieder sehen. Wir schauen ihm noch nach, wie er um die Ecke tritt, und es verwirrt uns einigermassen, wie nach einer kurzen Weile eine bildhübsche Frau im selben Hinterhof auftaucht und uns mit flatterndem Schritt entgegenkommt. Der Rock flattert ihr um die Beine. Sie scheint zu schweben, ihr Gang ist flüchtig, fliehend. Tausendsassa. Schnitt.
„Haben Sie vielleicht eine Zigarette für mich, mein Herr?“
„Aber sicher die Dame!“
„Vielen Dank, das ist sehr nett von Ihnen.“
„Keine Ursache.“
Darauf kam es doch gar nicht an, nicht an einem Katastrophentag wie diesem. Filigran war sie. Echt uneigennützig bis auf die Zigarette, welche dann doch nicht im Bild aufschien. Die gab ich ihr doch gerne. Die würde sie sich dann schon noch verdienen. Was mich beängstigte, war, dass der Mann nicht mehr zurückkehrte, und ich befragte mich ernsthaft, ob ich da je wieder heil herauskommen würde. Ich geh dann mal wieder. Ist mir irgendwie ungeheuer. Das Ganze.
Aber gern doch. Kann man nichts machen.
Kann man nichts machen. Nichts und wieder nichts.
Schlussteil
Das Politische ist nicht immer philosophisch gemeint. Mit dem nassen Kamm über die Ohren gezogen. Ha. Dabei gelacht. Die Stunden vergingen wie im Flug. Das war toll gewesen. Ha. Sie ging… Der Merkur stand auch tief genug, fand ich jedenfalls. So war es damals, und so ist es heute. Natürlich, ja natürlich.
Auf dem Küchentisch liegt das Aktuellste, das Notwendige des täglichen Bedarfs, oder wie man sich fettet, so riecht man, - ehrlich, ich bin abgewirtschaftet. Eine Bestandsaufnahme: RIZLA+, OLD HOLBORN, ZIG-ZAG, CRICKET, ich könnte noch rauchen, wenn ich denn wollte, ja wenn ich denn wollte. Ein Glas, Taschentücher, Pillen gegen den Virus, Kiwis, ein Hundekotbeutel mit Marijuana gefüllt, ein Kassenbeleg, ein Glas hausgemachte Erdbeerenkonfitüre, mein NOKIA 1108, marinetürkisblau, ein Taschenmesser von Victorinox, ein Schlüsselbund, eine Dose Bier, halb leer. Die elenden Briefe an meine Frau. Ein Glas mit Zigarettenasche, mein zerschundenes Portemonnaie. Die Briefe, ach so, ja, noch immer nicht wirklich abgeschickt. Wenn das Leben dir die kalte Schulter zeigt, ein zu tiefes Spülbecken und deshalb Schmerzen rechts unten am Rücken, diese einseitige Belastung, wenn ich mich bücke um den dürren Mund auszuspülen, dann gibt es nur eines: Die Stadt muss brennen, lichterloh.
Seufz.
Doch für ein Abenteuer mehr fehlt mir jegliche Lust, es reicht nun, ich habe genug Sonderbares erlebt. Heute höre ich einer Geschichte zu, über Kleingeld und den Waschsalon um die Ecke des Wohnblocks, ein Geldstück, welches nicht passt oder auf dem Weg verloren oder in der Hosentasche vergessen geht, und so ein Loch in den Stoff frisst, was mich bereits frustriert, auch wenn es nicht mir selber passiert. Keine Szene eines bekannten Dramaturgen, doch eine kleine Tragödie für einen kleinen schicken Herr mit Hut, denn er hat ja keine andere Hose. So ist das. Doch mir geht es nicht übel genug, um mich erneut auf Fantastereien einzulassen. Und um die Dächer der Stadt in Flammen zu legen. Weder geht es mir nicht gut, noch vermisse ich meine Frau und den kleinen Kujtim. Auch habe ich kein Drogenproblem. Glaub mir, ich bin nicht überschwänglich und ich bin auch nicht mehr nervös. Einzig, ich langweile mich. Und diese Öde ist tatsächlich schlimm. Ich würde gern ausbrechen, ohne dass ich ein Gefangener bin, zumindest weiss ich nicht, welches die besagten Gitterstäbe sind und ich sehe auch keine Mauern. Vielleicht bin ich eingesperrt in meinem eigenen starren Unwillen. Wegrennen will ich und ich wüsste nicht, wer mich daran hindern sollte, auch wüsste ich nicht, wovor. Trotzdem tue ich es nicht. Trotzdem bleibe ich sitzen und stehe nicht auf. Ich bin eine Krücke und ich bräuchte einen Arm, welcher mich spazieren führt. Ich wäre gern positiv, leider bin ich nur banal. Dafür bin ich HIV+, wegen anal. Doch darüber stehe ich und sitze nicht ständig drauf. So einfältig bin ich. Die Langeweile hat mich runtergeschluckt und spuckt mich nicht mehr aus. Ich bräuchte ein neues Gesicht, um mich wieder unters Volk zu mischen. Und ich müsste ausziehen, um ein unberührtes Stück Wald zu erobern, ein paar schneebedeckte Tannen und eine Lichtung, wo die Sonne rein scheint, nur für mich, ein paar stille Stunden an der Grenze zur Zivilisation. Dort könnte ich schreiben.
Seufz.
Da liegen: Eine Schüssel mit Milch- und Flockenresten, ein Löffel aus Birnbaumholz. Ein Roman von Nagel & Kimche. Ein dicker wasserfester Schwarzstift. Eine Keramikschale, braun lasiert und mit gelb, dann schwarz, dann weissen Malereien, mit Inhalt: Ein runder blauer Naturstein, der sich wie ein kleiner Globus ausnimmt, zwei Mini-Taschenlampen, rot und gelb, vom selben Fabrikat, zwei gleiche Kugelschreiber, die bestimmt ungleiche Striche führen, ein gelber Leuchtstift, ein dicker wasserfester Rotstift, billige Kabelkopfhörer. Daneben ein Stapel der Gasse Ziitig Luzärn, pink december, rosa gegen die berauschende Kälte der Not. Ein Plastiksack, darin ein eingepacktes Paket, darin sind zwei Kühe, ein Kalb, ein Pferd, eine Ziege und ein Hund aus Holz, maschinell oder von Hand geschnitzt, ich denke eher maschinell, doch dann von Hand bemalt. Von Kinderhänden für Kinderhände. Bezahlen und kassieren, das tun nur Erwachsene. Die sechs Tiere machten achtundneunzig Franken. Das Geschenkpapier war geschenkt.
Merci. Seufz.
Das Ganze sieht himmeltraurig aus. Und es fühlt sich auch so an. Wie ein schmutziger Klappmeter, der sich von der Arbeit rein in den Feierabend geschmuggelt hat, und der sich in ein Hakenkreuz oder in einen Davidstern herklappen liesse, wenn man denn so wollte, ja wenn man denn so wollte. Es fühlt sich an wie mein Küchenfenster, draussen ein hellblauer Topf in front of Lichtern und Geräuschen. Wie Lieferwagen und Offroader, wie rote Rücklichter, wie weisse Scheinwerfer und gelbe Strassenbeleuchtung, zwischen Geäst hindurch, wie der Ton, der durch Wände und durch die Scheiben des Fensters dringt, um da drinnen auf meine Hörmuscheln zu prallen. Wie Briefe meiner Versicherung. Ja ich bin versichert, obligatorisch, gegen Hexenschüsse und Angina pectoris, so fühlt sich das an, auch gegen Heuschnupfen, obwohl ich nicht alternativ versichert bin, sondern herkömmlich im Rahmen der Schulmedizin, die Schule machte unter den Gelehrten, eben die anerkannte und kläglich angewandte Medizin in öffentlichen Arztpraxen, Spitälern und Psychiatrien. All die Stationen, die ich wieder und immer wieder von neuem durchlief. Das Heroinprogramm, himmeltraurig. Das Methadonprogramm, erdenkahl. Morgen werde ich eine Orange essen. Am Mittwoch eine Banane. Die Kiwis sind noch nicht reif. Briefe meiner Versicherung. Doch wenn es brennt im Haus dann ist mein Hab und Gut verloren, den Hausrat habe ich nicht versichert, das hätte sich nicht gelohnt. Habe ich den Gashahn eigentlich zugedreht? Ein Wasserschaden wäre meine Alternative, zum Zustand der gerade ist wie er ist. Eine bescheidene hauseigene Überschwemmung, das wär’s, so was würde weiterhelfen! Ein tobender Wasserfall unter einem doppelten Regenbogen, ein Tornado, der durch die Hirnregionen zieht und alles wegputzt was noch vorhanden ist, wie eine Überdosis, wie der Knall eines Blitzes, der auf meinen Körper schlägt. Nichts dergleichen. Da liegt eine Karte, daneben eine muslimisch gestrickte Kappe, für auf das Haupt des aktuellen Propheten, mein Kopf, in Ehrfurcht vor dem allmächtigen Proleten, dem Genossenschaftsgründer Gottlieb Duttweiler, welcher die Konsumgesellschaft bis heute prägte, kein Alkohol und kein Tabak wird über seine Ladentische gereicht, auch nicht unten durch geschoben, und trotzdem trinke ich den Schnaps der Älpler und trotzdem rauche ich wie die Minenarbeiter von San José, damit ich mich nicht ganz verloren fühle, auf 450 Metern über dem Meer.
Seufz.
Da liegt: Meine klobig geschwollene Hand mit ihren blutleeren fünf Fingern, auf einer Maus die klickt und klackt. Das USB-Stück am anderen Ende des Kabels, zwischen zwei Wirbelknochen eingesteckt, leitet die Befehle zurück ans Hirn, welches erneut Befehle erteilt, in Ermächtigung meines blanken Willens. Vielleicht sollte ich den Ort einen Moment lang verlassen und nach Facebook gehen, ist ein Katzensprung entfernt und ich habe eine gute Verbindung. Es würde mich nicht allzu viel Mühe kosten, mich ein bisschen unter meine Freunde zu mischen. Ich und ein paar weitere Ganoven aus der Herren Badeanstalt, und die verruchten Frauenzimmer aus der Nachbarstadt, stets on a line, stets an dem flimmernden Ort, wo sich Profile eine Gute Nacht wünschen. Nein, ich bleibe da. Bleiben ist der passende Schlüssel zum Glück, die Kunst der Askese sei hier angebracht, zögern, lauschen, horchen ist meine Devise. Heute nicht, morgen ist mein Orangentag. Morgen werde ich nach Facebook gehen, rein und absonderlich leicht, das weisse Feldchen ohne Kontur noch Silhouette, das werde ich sein. Aber für heute bleibe ich allein.
Seufz.
Die Briefe an meine Frau, mit den lieben Weihnachtswünschen, habe ich noch überhaupt nicht geschrieben. Es gibt sie nicht. Dafür habe ich ihr eine Karte gekauft, eine rote mit einem grünen Tannenbaum drauf. Die liegt jetzt vor mir und ich kann mich nicht entscheiden, welchen Kugelschreiber ich nehmen soll, oder etwa einen dicken wasserfesten Stift. Ja genau, so einen nehme ich, den Roten, und schreibe: FUCK U. Dabei hatte ich sie einmal geliebt. Aber die Zeiten ändern sich mich dem Licht, nur ich blieb immer derselbe, und meine Fehler wiederholten sich mal für mal. Ich nehme den schwarzen Filzstift, unterstreiche FUCK U, umrahme es mit einem Rechteck, durchstreiche das Geschriebene und fülle die Lücken aus. Dann umrahme ich den Rahmen, umrahme den Rahmen des Rahmens, bis die ganze Fläche schwarz ist, ausser die Adresszeilen. Danach nehme ich einen Kugelschreiber und schreibe: Shala Bejta, Birkenstrasse 6, 6003 Luzern. Eine Briefmarke. Ich drehe die Karte um, nehme nochmals den schwarzen Filzstift, zeichne dem Tannenbaum ein Lächeln, und mit dem roten Stift eine dicke Träne ins Gesicht. Nun gut, Weihnachten abgehakt, so schnell ging das noch nie, jetzt nur noch Silvester, mit einem guten Vorsatz ins neue Jahr. Aber es ist ja noch gar nicht soweit, sondern nur der Countdown hat eingesetzt, 10, 9, 8, 7… alles entschleunigt sich, die Nächte werden länger, tausend Kerzen reichen nicht, in den Tagen vor dem fröhlichen Fest. Die Gelassenheit braucht ihre Zeit.
Seufz.
Ich sehe mich in der Fensterscheibe widergespiegelt. Meinen langen Bart. Die Haare aus der Stirn nach hinten gestrichen, ist der nordische Haaransatz freigelegt. Mit dem nassen Kamm über die Ohren gezogen. Das sind vierzigjährige Ohren, auf die kann ich stolz sein, die haben es überlebt. Nicht wie meine Zähne, die ausfielen wie brüchige Felsen. Ich sehe aus wie ein Mensch, der sich nicht um sein Aussehen schert. Wie einer, der dem Zerfall munter zustimmt und der nur noch innehält beim Wagnis seiner eigenen Ambitionen. Gegebenheiten versus Entwicklung, steht er für Gegebenheiten. Das sehe ich dem Mann doch an. Der hat Schmerzen. Der hat zu wenig Liebe gekriegt. Da genügt ein einziger Blick, um dem Banalen in diesem Ausdruck auf die Spur zu kommen, dem Würdelosen, welches die Züge in diesem Gesicht verwischt. Zum Glück bin das nicht ich, sondern ist das nur eine Fassade. Ich bin schon längst ein Anderer geworden. Dieser Mensch im Spiegel des Glases gehört mir nicht. Er gehört dem Fenster. Er ist der Ausdruck des Fensters, seine Seele, sein Gesicht. He du da, hau ab! Besser, du verpisst dich. Was ich brauche, ist ein neues Gesicht.
"Im 17. Jahrhundert glaubte ein einziger aufrichtig, er sei der Sonnenkönig. Heute hat die Mehrheit der Leute diese Meinung von sich. Doch es gibt nur einen - nämlich mich."
»Was für ein Endspurt!« Alle Ereignisse sind wahr und weder lüge noch übertreibe ich. Was du liest geschieht in diesem Moment, fernab von dir, und trotzdem bist du ganz nah dran und erfährst alles aus erster Hand. Jetzt ist Freitag, jetzt ist Samstag und jetzt ist Sonntag. Jetzt betrinke ich mich, jetzt vögle ich und jetzt scheisse ich Einen in die Emailleschüssel. Alles geschieht genau jetzt während du es liest. Es ist die LIVE-Übertragung der rarsten meiner raren Begebenheiten meiner letzten erlebnisreichen drei Tage in Sevilla. Situationen, die ich nicht selber herbeiführe, auch nicht suche, die ich nicht einmal zulassen will, und dennoch geschehen sie. Ich kann nichts dagegen tun. Und diese Umstände betreffen mich, es wäre mir lieber, sie würden es nicht.
Sie tritt aus dem Bad. »Dios mio, hat das aber gedauert - ich dachte, du legst da drinnen ein Ei. Ich hasse es, wenn man mich warten lässt! Für diese Dreckschminke hättest du mich nicht Stunden auf diesem schmuddeligen Sofa sitzen lassen müssen. Jetzt bin ich wieder sauer und sowieso, es kotzt mich an mitzugehen. Ich bleibe hier.« Sie verschwindet im Schlafzimmer. »Dann lass es, du Motzkiste, bleib doch da sitzen und verrecke meinetwegen.« Sie tritt aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer. »Ja, deinetwegen. Genau deinetwegen du dumme Hure. Vögle doch die ganze Stadt und sieh wo du hin kommst, ob es dir dann immer noch blendend geht und ob du danach dein verficktes Maul noch immer so aufreisst – Schlampe!« Sie stöckelt in den Gang, dreht sich zu mir um und schreit: »Machs dir doch selber, asozialer Wichser.« Dabei zeigt sie mir deutlich ihren Stinkefinger. Darauf knallt sie die Tür zu. Obwohl es nichts mehr bringt, schmeisse ich noch meinen Turnschuh hinterher. Einen weissen Nike, den sie mir zum Geburtstag geschenkt hat. Mein erster Gedanke: Das ist nicht meine Wohnung, es ist ihre Wohnung. Mein zweiter Gedanke: Hier kann ich nicht bleiben, diese Frau halte ich nicht mehr länger aus. Und dann: Wohin? Keine Ahnung. Doch solange meine Turnschuhe noch weiss sind kann ich nicht untergehen. Ich werde mir zu helfen wissen - wie immer - mich hat es noch nie erwischt. Bloss schlechte Voraussetzungen zu haben (kein Geld, keine Unterkunft, keine Tussi, die mich unterhält) bedeutet gar nichts. »Judas, Judas, Judas. Wo kriege ich bloss etwas Kohle her?«Mal überlegen, wem ich am meisten schulde. Ich glaube Diego, der borgt mir doch bestimmt noch einen Riesen, für einen guten Zweck, und ein Bett für ein paar Tage. Schliesslich bin ich stubenrein.»Ho Diego, capitano del capital, what’s up Gringo?«Diego:»Disculpe hombre, aber mit dir hab ich kein Erbarmen mehr, vergiss mich, da musst du einen anderen fragen. Man kann nicht Hass predigen und dafür Liebe erwarten. Und die fünf Riesen krieg ich anfangs Monat, sonst prügle ich sie eigenhändig aus dir raus.«Darauf schliesst er die Tür und riegelt ab.»Scheisse Diego, behandelt man so seine Freunde? Ich hoffe, du kommst mal in meine Lage, von mir aus könntest du dann elendig auf der Strasse verrecken.«Obwohl es nichts bringt, trete ich mit meinem Turnschuh gegen den Türrahmen. Am liebsten würde ich mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, doch es bringt nichts, gegen Windmühlen anzukämpfen. Draussen auf der Hauptstrasse trampe ich in eine Hundekacke.»Mierda!«Der Geruch weckt mich aus meinem Traum.
Ich wache verkatert und verschwitzt auf. Es riecht nach Hundekot. Die Wohnung ist verwüstet. Anscheinend hat hier eine riesige Party stattgefunden, an die ich mich nicht erinnern kann. Es liegt schmutziges Geschirr herum, die Wände sind voller Flecken, Spuren von Wein und Zigarettenasche - überall. »Ruhig Blut bewahren.« Ich setze Wasser auf. Auf dem Küchenboden liegt eine Zigarette, die ich mir sogleich anzünde. Ich merke, dass meine Finger zittern, wie die Gitarrensaiten von Paco Lucia. Den Kaffe trinke ich aus einem Plastikbecher, mit einem Schuss weissem Rum. Dazu getränkte Chips mit Calamares. »Gibt es ein besseres Frühstück?« In zwei Stunden kommt mein Verwalter, um die Wohnung abzunehmen. »Einen kühlen Kopf bewahren«, sage ich mir. Nicht einfach bei 35 Grad am Mittag um ein Uhr. In der Badewanne liegt ein angenagter Pouletschenkel. Ich lasse ihn liegen und dusche erst einmal. In diesem Moment klingelt es an der Tür, ich gehe nicht hin, es klingelt nochmals, ich mache nicht auf, es klingelt nicht mehr, »uff«. Zur vereinbarten Zeit klingelt mein Verwalter, ich öffne ihm und bitte herein. Die Wohnung strahlt in edlem Glanz und riecht dezent nach Lavendelöl.
Am Abend ruft mich Aurora an. Sie könne heute nicht ins Aquario kommen, sie sei in einem Vorort hängengeblieben und komme von da nicht mehr los. Vielleicht besser so, denn da hätte ich bestimmt das halbe Wohnungsdepot versoffen, welches gebündelt auf der Kommode in meiner Stadtwohnung liegt. Oder sollte ich besser sagen, meine ehemalige Stadtwohnung, die vier Monate meines ERASMUS-Programms (Halleluja!) sind um, die Koffern sind bereits gepackt, ich könnte verreisen. Doch mein Flug geht am Sonntag und heute ist Freitag. Also muss ich wohl oder übel noch zweimal hier schlafen. Nicht in der Wohnung im Judenviertel, sondern in einer Herberge oder bei Freunden oder notfalls auch stadtauswärts, im Parque del Alamillo. Aurora, die Morgendämmerung, werde ich wohl kaum je wieder sehen. Dafür umso mehr Strassenbeleuchtung. Cinema-Club-Hotel-Werbeleuchten. Viele galante Encuentros. Meine Ex ist ausgeräumt bis auf die Möbel und den Kühlschrank. Ich genehmige mir noch einen Becher Jerez, den letzten, während ich die von der Party übrig gebliebenen Bierdosen in einen Plastiksack packe. Adios Wohnung, wir hatten eine schöne Zeit miteinander, mindestens haben wir beide es hinter uns gebracht, ich in dir und du um mich herum, danke Wohnung, die Schlüssel werde ich dir in den Rachen werfen, aber nun adios, auf zu Guzman!
Guzman ist da neu eingezogen. In der Calle Relator, nahe der Alameda. Ich habe ihm beim Umzug geholfen. Wir sitzen zum ersten mal auf der Hausterrasse und trinken ein Cruzcampo aus der Dose. Seine Nachbarin Lara setzt sich zu uns, wir plaudern. Als Guzman’s Freundin kommt trinken wir noch ein Bier. Die beiden verschwinden, ich bleibe mit Lara zurück. Sie ist nicht unschön, kommt aus Madrid und ist zuckerkrank. Ihre Katze heisst Luna und ihr Kater Bruno. Bruno ist auch krank. Ich streichle Luna, die mir die Zehen leckt. Die Zeit ist fortgeschritten, es kommt eine feine Brise auf, das Ahorn raschelt in die Stille der Nacht. Lara hält meine Hände, unsere Münder nähern sich. Sie kichert, sie stöhnt, ich vibriere. Kurz darauf sitzt sie auf mir, mein Apparat in ihrem Fruchtfleisch, treiben wir es wie die wilden Tiere im Wald. Lara nennt mich Jesu Christo und streichelt mein Haar und meinen Bart. Sie erzählt mir von ihrem Hass auf die leibliche Mutter, von ihren Mordgelüsten. Ich möchte niemanden töten. Da ich meine Feinde nicht kenne bin ich ignorant gegenüber dem Bösen. Es ist schön, ich geniesse die vertraute Zweisamkeit mit dieser Fremden. Sie erzählt von ihrer Sehnsucht, an der Brust einer Frau gestillt zu werden, sie meint das ernst, doch hat sich bisher niemand auf ihr Inserat gemeldet. Ich glaube, sie hat irgend so einen Mutter-Tochter-Komplex. Ich verüble es ihr nicht, auch ich habe ein starkes Begehren: ich möchte mich in Lara’s Schoss versenken. Sie schluchzt, dann lacht sie hysterisch, dann weint sie wieder. Später bringt sie mich nach unten zur Haustür, damit ich gehen kann. Wir sitzen eine Weile auf der Schwelle des Hauseinganges. Sie fängt an, mir Vorwürfe zu machen, die sie anfangs gegen sich selbst richtet. Sie fühle Scham und sie fühle sich als Schlampe. Gemeint aber bin ich als Hurenbock. Doch ich bin kein Hurenbock, sowas ist tendenziös. Sie lebt in einem mickrigen Zimmer ohne Fenster, ein kurzer Blick genügt, um zu sehen, dass man sich so nicht entfalten kann. Ich rate ihr, die Wohnsituation zu ändern. Doch mein bester Rat kommt am schlechtesten an. Sie nimmt es als Demütigung auf, sucht weiter Streit, nennt mich taktlos und narzisstisch. Nach zu langer Zeit endlich verlasse ich die verdammte Hexe. Zuviel negative Energie!, schreit sie mir nach. Doch schwarze Magie war noch nie meine Stärke, - leider.
Auf der Strasse bemerke ich, dass es bereits tagt. Ich rolle eine Zigarette und gehe den Weg nach Hause, bis mir einfällt, dass ich kein Zuhause mehr habe, sondern nur einen Schlüssel zum Bahnhofsschliessfach, Nummer 202, wie bei Peter Bichsel, nur eben kein Hotelzimmer und nicht in Paris, wo er dann doch noch einkehrte. Ich biege in David’s Strasse ein und schmeisse Kiesel an seine Jalousie. Ich darf bei ihm schlafen, doch muss ich zuerst seinen Hund Gassi führen. Also drehe ich eine Runde mit Yamuko. Die warme Kacke, im Plastik, fühlt sich menschlich an. Der Hund ist des Menschen bester Freund, der Mensch des Hundes bester Sklave. Zurück in David’s Wohnung leckt Yamuko seinen Hunde-Penis. Was nicht sehr komisch ist, denn Männer blasen sich nur keinen selbst, weil es für sie technisch nicht möglich ist. Wie und was denn, wenn sie es könnten? Das wäre eine rechte sexuelle Umwälzung, die demographischen Folgen katastrophal.
Samstag, vier Uhr nachmittags, ich wache schweissnass auf. Seit der Party habe ich nichts Anständiges mehr gegessen. Hunger habe ich aber keinen. David ist nicht da. Von der Strasse höre ich jemanden meinen Namen rufen. Es ist Natalia, ich habe sie ganz vergessen. David hat ihr wohl erzählt, dass ich da sei. Natalia ist nett und kocht mir eine Suppe, denn ich fühle mich nicht sehr wohl. Dafür will sie meinen, ich meine, sie bedrängt mich. Was soll es, denke ich mir, dann nimm ihn halt, sage ich. Heute kriegt man aber auch gar nichts mehr umsonst, nicht einmal eine warme Suppe. Nachdem ich abgefertigt bin, gehe ich zum Chinesen um die Ecke und hole uns Chips, Schokolade, ein Kübelchen Feigensorbet, Waffeln und eine Flasche Orangensaft. Was für eine Fressorgie, und das bei 45 Grad im Schatten, ohne den leisesten Hauch von Wind.
Um Mitternacht stehe ich, frisch wie Max und neu geboren, mit duftendem Haar und gebügeltem Hemd, mit Amigos auf der Alameda de Hercules und trinke Ron con Cola. Wir rauchen Joint um Joint und zwischendurch einen Porro. Drei Kolumbianer erzählen von einem Brauch in ihrer Region in der Heimat. Zum fünfzehnten Geburtstag wird den Jungs ein spezieller Stuhl geschenkt, der es ihnen ermöglicht, einen Esel zu ficken. Wir lachen. Der erste Kolumbianer zeigt, welche Höhe eine Esel hat. Der zweite schwört, dass die Muschis von Eseln nicht stinken. Ich schwitze vor Lachen. Der dritte berichtigt jedes mal: Nicht Esel, Eselin. Nicht Esel, Eselin. Burro no, - burra! Ist ja gut Junge, wir haben verstanden. Die ganze Bande bricht auf in Richtung Jackson. Mein Kopf dröhnt, ich bin müde, trotzdem gehe ich mit. Auf dem Klo ziehe ich mir eine Linie Koks und warte solange, bis ich spüre wie eine Energie ferner Galaxien in mich kehrt. Die Disco ist voll von Tussis, Schlampen und Huren. Hübsche Dinger sind darunter. Ich vergucke mich unter anderen in eine Vollgepiercte ohne Gesicht, in eine Grosstittige ohne BH und in eine Psychodelische ohne Brüste. Es scheint, als fehle es einer jeder an irgend etwas, was mich nicht stört, denn ich stehe nicht auf Vollkommenheit. Ich bin so tief, breit, flach und betrunken, dass ich mir mit der exakten Wissenschaft weiterhelfen muss, damit ich nicht völlig ausklinke. Das heisst, ich zähle Menschen, ich treibe Statistik. Mein in dieser Tanznacht kumuliertes sexuelles Begehren bleibt trocken gelegt, bis der Anteil an Männer im Verhältnis zum Anteil an Frauen etwas mehr als neun zu eins beträgt. Der zehnte Teil der Discobevölkerung, der weibliche, ist nicht feminin, sondern hässlich und eitel. Eine seltene Kombination von Aussehen und Charakter. Selten wie der Zusammenfall von extrem schön und doch bescheiden. Du kannst es dir nicht ausmalen, wie stolz ich bin, als sich (bei dieser Quote!) eine fette Mutter auf mich wirft und mir die Zunge in den Rachen rammt. Ein toller Kuss, denke ich, und ich bin plötzlich wieder nüchtern. Als sie sich nach diesem Manöver von mir abwendet und sich einem der Kolumbianer zuwendet, fühle ich mich von einem nie da gewesenem Gefühl von Glück durchströmt. Auch froh, wieder Luft zu kriegen. Ich glaube, jetzt ist es Zeit, das Feld zu verlassen und nach Hause zu gehen, oder wohin auch immer, einfach ein Szenenwechsel, vielleicht nun doch in den Park, oder einfach mal runter zum Fluss.
Sonntag: Es dunkelt bereits, ich liege noch immer auf der Wiese unter einer mächtigen Eiche. Mein Mobiltelefon vibriert, »Guzman« leuchtet auf, ich nehme an. Er habe soeben Lara, seine Nachbarin, ins Spital gebracht. Seit Tagen habe sie leichtes Fieber gehabt, nun auch üblen Durchfall, es bestehe der Verdacht auf Schweinegrippe. »Nanu, keine Panik schieben, Guzmi, aber danke für die Meldung.« Ich gehe ein paar Schritte, hinter ein Dorngebüsch, scheisse einen dicken Harten und bin erleichtert im doppelten Sinn. Ich nehme in Gedanken ein Alca-C und lege mich wieder zurück unter die Eiche. »Noch acht Stunden, dann geht mein Flug«. Ich falle in einen tiefen seligen Schlaf und träume von Zuhause, von der Schweiz, von Luzern und Zürich, von Rahmsauce und Älplermagronen, von Felix Müri und Christoph Mörgeli. In dem Traum bewege ich mich gelassen, sicher, aufgehoben, ruhig und vertraut. Traumdeutung: ich sehne mich nach einem Ort mit klaren Verhältnissen. Der Traum dauert Wochen, vielleicht sogar Jahre. Nichtsdestotrotz, nachdem ich aufwache bleibt mir noch immer genügend Zeit um nochmals ins Jackson zu gehen, was ich auch mache, denn genau das zu tun ist mir vom Schicksal befohlen. Da ich früher dran bin, als gestern, ist der Saal noch voll. Ich trinke und versuche mich tänzerisch zu verhalten. Was nicht gelingt, denn ich bin schlapp und im besten Fall schwanke ich, zum Anti-Rhythmus der Musik. Es fällt mir ein begnadeter Tänzer auf, um welchen sich gleich drei Frauen scharen. Klein und mit Hut, aber nicht ohne. Wow! Wie gut der tanzen kann, das kommt an bei den Mädels. Mit einem Blick frage ich ihn, ob er mir eine abtreten kann. Sekunden später heben wir zusammen ein Bier an der Bar und er klärt mich auf: Eine Brasilianerin, eine Puertoricanerin und die dritte ist aus Panama. Ist ja egal woher sie kommen, jedenfalls gefallen mir alle drei. Ich denke, der Kollege meint es gut mit mir. Übrigens ein besonderer Typ, einer, der sich für Frösche interessiert. Ausserdem ist er etwas undistanziert. Ich zwinkere der Puertoricanerin zu, sie zwinkert zurück. Eine tolle Nacht. Der DJ arbeitet, die Körper im Raum bewegen sich. Schade nur, dass die einzige, die sich inbrünstig für mich begeistert, der schwule Portugiese an meiner Seite ist. Denn falsche Portugiesinnen mag ich nicht. Als seine agilen Hände und Finger aufdringlich werden mache ich mich panisch los. Er folgt mir listig bis vor die Diskotheke. Ohne zu demütigen - er will ja nur ein bisschen küssen - sage ich ihm, dass er sich geirrt habe und dass dies ein Missverständnis sei. Zappelig, geduckt und gerührt steht er vor mir und schaut verlegen drein. Ich verabschiede mich mit katholischem Segen. Adios und Tschüss! Taxi, por favor - al aeropuerto!
Freunde, ich sitze zwischen zwei Bankern. Wir hängen in der Luft, auf der Strecke Sevilla – Zürich. Es wird gerade das Menu gereicht. Die Stewardess hat superschöne blaue Augen. Sie lächelt mich entschieden an. Der Wein ist spanisch, aber das stört mich nicht. Ich schliesse die Augen, und ohne einen Happen zu essen schlafe ich ein. Hasta la vista, cabrones. Nos vemos!
Zu den merkwürdigsten Gästen, welche je in Luzern abstiegen, gehört die baltische Schriftstellerin Juliane von Krüdener-Vietinghoff (* Riga 1764, † Karasu-Basar 1824), die sich 1817 auf der Durchreise ein paar Tage in Luzern aufhielt. Sie war von Lenzburg über St. Urban, Zell an den Vierwaldstätter See gekommen. Theodor von Liebenau, Staatsarchivar von Luzern, hat im Jahre 1901 in den «Katholischen Schweizer Blättern» Material zur Kenntnis ihres Luzerner Aufenthaltes zusammengetragen, und Joachim von Kürenberg erwähnt in seiner umfassenden Biographie (Basel, 1941) ebenfalls den Luzerner Aufenthalt. Die von Fridolin Kaufmann aus Horw redigierte Wochenzeitung «Der Wegweiser in der Eidgenossenschaft für Schweizer und Schweizer Freunde» (Druck: Josef Bannhard, Konstanz), die über alle Vorkommnisse in Luzern immer sehr gut informiert war, brachte in der Nummer vom 8. Juli 1817 einen mit W. Unterzeichneten Brief zum Abdruck, der mit den folgenden Worten begann:
«Frau von Krüdener ist gegenwärtig unser Gestirn des Tages, und verdunkelt all die vielen Fix- und Wandelsterne unseres irdischen Himmels. Schon deswegen ist sie eine erfreuliche Erscheinung, dass sie uns in unserm geschraubten kleinen Leben einen Begriff von wahrer Hoheit gibt, und einen gewissen Halt in unser ausschweifendes und in Nichtigkeit zerfliessendes Alltagsleben bringt. Sie wohnt zwar nicht in der Stadt, doch in der Nähe – und zieht bereits nicht nur die ganze Stadt, sondern auch die ganze Umgegend zu sich hinaus, wie Johannes in die Wüste. Kein Wunder, sie speist und tränkt die Geister, die Herzen und die Magen, übt alle Werke der christlichen Liebe und menschlichen Barmherzigkeit, und ist eine wahre Zuflucht der Sünder. Die abgelegene ländliche Villa des Weinhändlers Bälliger wimmelt daher vom Morgen bis zum Abend auf allen Seiten von Schwärmern und Schaaren Zu- und Abgehender, von Jüngern und Spähern, von Hilfsbedürftigen und Schriftgelehrten…»
Im Hause des Weinhändlers Belliger hatte, wie aus dem Bericht hervorgeht, Frau v. Krüdener Aufnahme gefunden. Im September 1806 hatte Jacob Belliger, von Ebikon (*1764 zu Littau, † 1837 in Luzern) den Hof Hochrüti – das war die abgelegene ländliche Villa – von Witwe Anna Maria Aebi, geb. Hug (1764 – 1834) gekauft, und er war ein paar Tage später mit der Verkäuferin eine zweite Ehe eingegangen. Die erste Gattin, Catharina Heller, die Mutter des bekannten Lithographen und Malers Caspar Belliger (1790 – 1845), war im Juni 1806 gestorben. Nicht lange blieb Belliger im Besitze der Liegenschaft Hochrüti. Schon 1819 verkaufte er sie weiter an Caspar Joseph Meyer, Mitglied des Grossen Rates. Aus der Erbschaft ging sie 1864 an Jost Meyer-am Rhyn über und 1905, bei der Liegenschaftsverteilung, an Louis Meyer.
Der Aufenthalt von Juliane von Krüdener in Luzern war von kurzer Dauer. Kaum war sie im Landhaus Hochrüti angekommen, strömten neugierige Luzerner mit denjenigen, die der Baronin gefolgt waren, zur Villa Belliger hinaus, um die berühmte Frau sprechen zu hören. Unter denen, die eine Aussprache mit der «Wundertäterin» suchten, befand sich auch Professor Gügler in Luzern, welcher der Nuntiatur über sein Interview Bericht erstattete. Diesem Schreiben (in deutscher Uebersetzung bei Liebenau) sei ein Abschnitt entnommen:
«…Deshalb musste dieser Bericht reiflich erwogen werden, weil der Berichterstatter die Frau von Krüdener aus einem einzigen Gespräch von 3 bis 4 Stunden und hierbei nur von einzelnen Gesichtspunkten aus, unvollständig kennen lernte. In ihrem Auftreten findet man das Gute mit Zweifelhaftem, das Erhabene mit Gewöhnlichem derart vermengt, dass es jedermann schwer fallen muss, in so kurzer Zeit die Charaktereigenschaften genau bestimmen zu können. Es mussten diese Bemerkungen vorausgeschickt werden, damit dem nachstehenden Bericht nicht mehr Bedeutung beigelegt werde, als ihm wirklich gebührt; es wird auch nur das selbst Gehörte wiedergegeben werden. Wenn man auch glaubt, mit seinem Urteil das Richtige zu treffen, so ist es doch angezeigt, sich von solchen, welche den geschichtlichen Sachverhalt besser kennen, eines Bessern belehren zu lassen…»
Gügler schrieb allerdings seinen Bericht erst später nieder, betont er doch in seinem Briefe:
«…Das ist das Wichtigste, was mir einige Wochen nach der einzigen Zusammenkunft mit der Frau Krüdener in Erinnerung geblieben ist. Das alles habe ich nicht durch fremde Leute in Erfahrung gebracht, sondern mit eigenen Ohren gehört. Vieles andere, was vorgebracht wurde, ist teils dem Gedächtnis entfallen, teils schien es mir nicht bemerkenswert…»
Auch Chorherr Geiger äusserte sich dem Generalvikar Göldlin gegenüber (Brief vom 18. Juni) über die Krüdener. Er stützte sich auf die Aussagen seiner Schüler, welche die Baronin aufgesucht hatten:
«Im Anfang wollte ich kein Urteil fällen, weil ich nicht wusste, was eigentlich ihr Treiben sei. Nun sind die meisten meiner Theologen bei ihr gewesen, haben mit ihr und ihren Missionarien, deren sie eine gute Anzahl bei sich hat, und noch täglich aufnimmt, gesprochen und auch gestritten. Die bessern von meinen Theologen haben alles pro und contra Gesprochene aufgeschrieben, und es mir getreulich überbracht…»
Aus einer Schrift, die noch im gleichen Jahre 1817 ohne Angabe des Druckers und Druckortes erschien (siehe Abbildung) erfährt man, dass sie wirklich zu den Theologen Luzern gesprochen hatte.
Am 22. Juni machte Regierungsrat Göldlin im Namen der Behörden die Baronin darauf aufmerksam, dass sie und ihre Anhänger sich aller öffentlichen Vorträge und des Predigens über religiöse Fragen zu enthalten hätten. Vorsichtshalber liess man später das Haus durch Militär und Polizei bewachen, die Scheunen räumen und das Gefolge ins Spital hinunterführen.
Quelle: Dr. Fritz Blaser. Zwischen Reuss und Biregg. Frau von Krüdener in Luzern. 1964. Quartierverein Hirschmatt-Neustadt-Biregg in Luzern. Räber & Co. AG, Luzern, und Keller & Co. AG, Luzern.
Am 3. Juli 1817 verliess Frau von Krüdener mit ihrem Gefolge Luzern. Da man in Luzern vielleicht ein politisches Nachspiel befürchtete – war doch der Baron von Krüdener russischer Bevollmächtigter bei der Tagsatzung – und die Einmischung eines fremden Staates in luzernische Angelegenheiten nicht schätzte, orientiert man vorsichtshalber die luzernischen Gesandten an der Tagsatzung in Bern, die Herren Alt-Schultheiss Vinzenz Rüttimann und Eduard Pfyffer von Altishofen, über den Stand der Angelegenheit. Das Schreiben hat folgenden Wortlaut:
Wir glauben nicht anstehen zu sollen auch Euer Hochwohlgeborenen unter gegenwärtiger Mittheilung unser’s abschriftlich beygelegten Beschlusses vom 2.ten d.Mts. diejenigen polizeylichen Maasregeln zur Kenntniss zu bringen, die Wir endlich gegen Frau von Krüdener und ihr sämtliches Gefolge zu ergreifen Uns in die Nothwendigkeit versetzt sahen, und vermöge welchen dann diese Fremdlinge den 3ten fliessenden Monats bey früher Morgenzeit ihren hiesigen Aufenthaltsort, so wie den Kanton Luzern zu verlassen bemüssiget worden sind.
Die Vollziehung dieses Fortweisungs-Beschlusses, in den die daherigen nähern Gründe aufgeführt sind, welche vorzüglich zu dem diesfälligen polizeylichen Einschreiten und Verfahren Veranlassung gegeben haben, gieng übrigens ruhig und ohne die mindeste Unordnung oder Störung von sich. Willig fügte sich Frau von Krüdener dem bezeigten Ernste. Dem Hr. Baron von Berckheim einzig schien diese polizeyliche, auch auf ihn und seine Gemahlin ausgedehnte Maasregel, da sie sich im Gefolge der Frau von Krüdener befanden und selbst bey ihr wohnten, und zwar aus dem Grunde empfindlich zu fallen, weil der seinen von dem Königlich-Bayerischen in der Schweiz accreditierten Hr. Botschafter im Weinmonat 1816 ausgestellen Reisepass zur Zeit seiner Ankunft in hier vorgewiesen habe. Auf diese von ihm gemachte Erinnerung hin, wurde sogleich Rücksicht genommen, und demselben durch Ihr Gnaden Herrn Altschultheiss noch in der Nacht den bis auf den Abend verlangten verlängerten Aufenthalt bewilliget, wovon er aber, weil er noch so viel Zeit gefunden, um sich vollends zur Reise anschicken zu können, keinen Gebrauch machen wollte, sondern vorzog, mit Frau von Krüdener zur gleichen Stunde abzureisen.
Frau von Krüdener wählte die Strasse nach Zürich, auf welcher sie bis Knonau von dem hiesigen Hrn. Stadtpolizey-Lieutenant Segesser als Polizey-Commissarius, ihr Gefolge aber, worunter auch jene Nicht-Kantons-Angehörige, die mit ihr zu gehen verlangten, an der Zahl circa 60ig Personen, unter Escorte von Polizeydienern begleitet wurden. In Knonau fand der dortige Herr Oberamtmann, der von dem Vorfalle durch Hr. Segesser auftragsgemäss unterrichtet wurde, schicklich und wichtig genug, die Frau von Krüdener selbst bis nach Zürich zu begleiten. Bey’m Abschiede des gedachte Hr. Polizey-Lieutenants von diesen Fremdlingen bezeugten ihm, zu Handen seiner Oberbehörden, Hr. Von Berckheim und Hr. Professor La Chenal von Basel, für die achtungsvolle Behandlung, die man der Frau von Krüdener wiederfahren liesse, unter den verbindlichsten Ausdrücken ihren besonderen Dank.
Hiesige Kantonsangehörige, 40ig an der Zahl, die aufgefangen wurden und welche sich bey der Frau von Krüdener aufhielten, haben Wir sogleich in ihre Heimaths-Gemeinden unter Aufsicht zurückgesandt. Sehr wenige darunter waren Willens, der Frau von Krüdener zu folgen und erklärten lediglich, der Austheilung von Suppen willen sich zu ihr verfügt zu haben. So viel Wir, seither vernommen, erhielt letztere in Zürich die Weisung, ihre Reise ohne Verschub weiters fortzusetzen.
Im übrigen hat das plötzliche Entfernen der Frau von Krüdener unter dem hiesigen Publikum allgemein Beyfall gefunden, zumal da das Unwesen, welches während deren Anwesenheit auf dem Hofe des Hr. Belliger getrieben wurde, Aufsehen und Unwillen erregt hatte. Im übrigen waren dann andere Ursachen, besonders in religiösen Beziehungen genug vorhanden und wirklich die höchste Zeit, durch schnelle Entfernung dem täglich gefährlicher werdenden Zuströmen fremder und einheimischer Bettler und Gesindels ein Ende zu machen.
Mit diesem Bericht, der Euer Gnaden nicht unwichtig sein dürfte, verbinden Wir schlüsslichen die Versicherung unserer vollkommenen Hochachtung
Der Amtsschultheiss, President
(sig.) J. K. Amrhyn
Nahmens des Polizey-Raths
Der Oberschreiber: (sig.) J. M. Schnyder
Damit war die für Luzern unerfreuliche Angelegenheit erledigt, und als am 8. Juli 1817 in der Zeitung «Der Wegweiser in der Eidgenossenschaft für Schweizer und Schweizer Freunde» die verspätete Luzerner Korrespondenz erschien, da gehörte das «Intermezzo» bereits zur Geschichte.
Quelle: Dr. Fritz Blaser. Zwischen Reuss und Biregg. Frau von Krüdener in Luzern. 1964. Quartierverein Hirschmatt-Neustadt-Biregg in Luzern. Räber & Co. AG, Luzern, und Keller & Co. AG, Luzern.